Die
Wende im Therapiekonzept Ferenczis zeichnet sich
1919 ab mit seinem Aufsatz »Zur psychoanalytischen
Technik«.(16) Zunächst unterstellt er
sich noch völlig der psychoanalytischen Grundregel,
der Patient müsse alle Einfälle ausnahmslos
mitteilen, die ihm in der Stunde kommen. Der Analytiker »muß unnachsichtig
alles ans Tageslicht ziehen, was der Patient, mit
welcher Motivierung immer, der Mitteilung zu entziehen
sucht.«(17) Doch der findige Patient umgeht
die Mitteilungspflicht in seinem »Assoziationswiderstand«(18)
sehr raffiniert: statt auch Unsinniges mitzuteilen
teilt er nur noch Unsinniges bis zur Glossolallie
mit, vertauscht Heuhaufen und Nadel mengenmäßig.
Ihm fällt nichts ein oder ihm fällt alles
mögliche gleichzeitig ein und er kann es vor
Fülle gar nicht der Reihe nach zur Sprache
bringen. Er oder der Analytiker schläft bei
dem stundenlangen gegenseitigen Anschweigen ein.(19)
Er zensiert schon vorab jede Mitteilung, was sich
verrät an Sätzen wie »Ich denke
daran, daß...«. Oder er bricht Sätze
ab, sobald die Vorstellungen, die hochkommen, brenzlig
werden, und teilt flugs drei Lappalien mit.(20)
Er
fragt vielleicht, was wäre, wenn Mordgedanken
freiwürden, ob es nicht nur noch ein Schritt
bis zum jähen Ende des Analytikers wäre.(21)
Oder die infantile Hysterika mit scharfer Wäsche
springt auf und will geküßt werden -
Ferenczi weist sie geduldig wohlwollend auf die Übertragungsnatur
dieser und anderer Formen des Agierens hin.(22)
All diesen Widerständen begegnet er mit Geduld,
mehrfachen Versuchen der Deutung dieser Effekte
als Widerstand und behutsamer Insistenz auf der
Einhaltung der Grundregel. Das »Nichthelfen
des Arztes« in Widerstandssituationen soll
den Patienten dazu nötigen, seine Widerstände
ganz alleine zu überwinden; nur davon verspricht
Ferenczi Heilung in der Kur, »die ja im Wesen
gerade darin besteht, daß der Patient durch
konsequente und immer fortschreitende Übung über
innere Widerstände Herr wird.«(23) Therapie
als Training des Gestaltschlusses klingt hier an.
Und die Zurückhaltung des Arztes, das Nichthelfen
ist geradezu Vorläufer von Perls' skilfull
frustration, die der Stärkung der eigenen
Fähigkeiten des Patienten dient. Schon bei
Ferenczi gibt es ein Don't push the river: »Die
Situation des Arztes in der psychoanalytischen
Kur erinnert eben vielfach an die des Geburtshelfers,
der sich ja auch möglichst passiv zu verhalten,
sich mit der Rolle des Zuschauers bei einem Naturprozeß zu
bescheiden hat, in kritischen Momenten aber mit
der Zange bei der Hand sein muß, um den spontan
nicht fortschreitenden Geburtsakt zum Abschluß zu
bringen.«(24).
Das
Frustrationsprinzip zwecks Eigenaktivierung des
Patienten findet auch da Anwendung, wo der Arzt
Fragen des Patienten mit der Gegenfrage nach dem
Grund, dem Sinn, der Intention dieser Frage beantwortet
und sich damit der Übernahme von Verantwortung
für den Patienten, auch in dessen - häufig
auch aufschiebbaren - Entscheidungen, entzieht,
um »möglichst wenig die Rolle des geistigen
Lenkers« zu spielen.(25) Beim Verharren in
Infantilität muß der Arzt »insofern
auch 'aktive' Therapie betreiben, als er den Patienten
dazu drängt, die phobieartige Unfähigkeit
zu irgendeiner Entscheidung zu überwinden.«(26)
Flüchtet der Patient in vage Allgemeinheiten,
so kann ihn der Arzt mit der ebenso allgemein klingenden
Frage: »Zum Beispiel...?« auf genau
den Punkt verführen, um dessen heißen
Brei die Katze schlich: biografische Konkretheit.(27)
Solche kleinen Pragmatismen dienen sämtliche
der Widerstandsarbeit, dem verzwickten Schachspiel
von Tarnung und Enttarnung, das Ferenczi nicht
mit autoritativer Suggestion und Schulmeisterei
zu meistern bemüht ist, sondern mit List,
der eine große Portion Wohlwollen für
die Raffinessen der Patienten abzuspüren ist.
Das Spiel um die Wahrheit, getrieben vom Leidensdruck
der Symptome, lebt aus der wechselseitigen List
und Raffinesse, die Freud unter dem wenig humorvollen
Begriff des Widerstands faßte. Wie keiner
Zeug zum Detektiv hat, der nicht sich in seine
Opfer, die Kriminellen, hineinversetzen kann und
wenigstens gedanklich ihre Abart teilt, so wäre
ein Analytiker aufgeschmissen ohne Sympathie für
die vielen kleinen Finessen seiner Klienten und
lernt eigentlich das Wesentliche seines Handwerks
gerade aus ihren Verstellungskünsten, die
Freud als Arbeit der psychischen Mechanismen bezeichnet
hatte. Die Umgehung des Widerstands durch den Analytiker
bedient sich also im Wesentlichen der gleichen
Methoden, die er beim Patienten vorfindet. Allerdings
bedient sich der Patient auch sehr bald der gleichen
Methoden, die er beim Analytiker vorfindet, um
sein Verdrängtes zu verstecken. Diese Situation
hat etwas von Ebenbürtigkeit, die Ferenczi
entdeckt. Sie ist ein Spiel, ein Pingpong der Gewitzheiten,
per se eine erotische Figur.
So
ist es nicht verwunderlich, daß Ferenczi
von der Übertragung des Patienten als wirksamem
Motor jeder ärztlichen Einwirkung auf Patienten
fast unmittelbar zur Gegenübertragung kommt.
Er referiert Freuds Theorie der psychischen Reihenbildung,
der Wiederholung der erotischen Beziehung zur gütigen
Mutter, zum gestrengen Vater in der Analyse, und »daß die
Nervenkranken wie Kinder sind und als solche behandelt
werden wollen.«(28) Die angetragene Elternrolle
stellt eine Versuchung für den Analytiker
dar, diesen Teil seiner eigenen Person dabei auszuleben,
also der milde Mitleidige zu sein auf einen Jammer
hin - oder der harte Grobe auf einen Trotzkopf
hin. Trotz dieser Versuchung muß er »es
verstehen, seine Anteilnahme zu dosieren, ja, er
darf sich seinen Affekten nicht einmal innerlich
hingeben, denn das Beherrschtsein von Affekten
oder gar von Leidenschaften schafft einen ungünstigen
Boden zur Aufnahme und richtigen Verarbeitung von
analytischen Daten.«(29) Gegenübertragung
als Derealisation des Patienten durch die Wahrnehmungsüberlagerung
mit den Imagines der eigenen psychischen Reihen
des Analytikers tendiert in diesem Verständnis
Ferenczis zur Trübung der Wahrnehmung der »analytischen
Daten«. Er übernimmt damit den Freudschen
Begriff von Gegenübertragung als einer zu
eskamotierenden. Dazu dient - und Ferenczi hat
sich um ihr Obligatorisch-Werden verdient gemacht
- die Lehranalyse als Vertrautwerden mit den eigenen
Affekten, ihrem biografischen Anteil, und der Unterscheidungsfähigkeit
zwischen biografisch bedingter persönlicher
Involvierung und einer wirklich nur durch die »Daten
des Patienten« affizierten. Mit einem Ohr
diesen folgend, hat er mit dem anderen Ohr immer
in sich selbst hineinzuhorchen, »hat er gleichzeitig
seine eigene Einstellung dem Kranken gegenüber
unausgesetzt zu kontrollieren, wenn nötig,
richtigzustellen, daß heißt die Gegenübertragung
(Freud) zu bewältigen.«(30) Eine Folge
der Gegenübertragung ist eine gluckenhafte
Parteilichkeit für den Patienten, Entrüstung über
alle, die ihm übelwollen und Beschützerallüren,
die immer auch eine besitzergreifende Seite haben:
Meine Kinder, meine Patienten, meine Gemeinde.
Angesichts einer solchen, alles andere als abstinenten
Haltung ist es auch nur folgerichtig, wenn der
Patient sich in seinen Beschützer verliebt, »plötzlich
mit leidenschaftlichen Forderungen auftritt«.(31)
In diesen anfänglichen »Honigmonaten
der Analyse« bewirkt die positive Übertragung
die bekannten überraschenden Heilerfolge,
die als Ausgeburten der Verliebtheit Gefälligkeitsprodukte
sind: bin ich nicht ein gelehriger, guter, liebenswerter
Patient?(32) Er heischt um Liebe.
Ferenczi
stellt gegen Freud, der sie alleinig dem Patienten
in die Schuhe schiebt - fest, daß die Verliebtheit
des Patienten nur die logische Folge des »enthusiastischen« Arztes
ist, dessen Heilungs- und Aufklärungsdrang
ihn täuscht über seine unbewußten
Bindungen an den Patienten, die jener durchaus
richtig mitbekommt und mit seinem Gefühl darauf
nur angemessen antwortet, wenn er in Liebe zu seinem »Gönner
oder Ritter« ausbricht.(33) Vor all dieser
Verwicklung meint Freud sich »schroff und
ablehnend« schützen zu müssen -
Ferenczi wagt 1919 noch nicht, seinen verehrten
Herrn Professor Freud direkt zu attackieren, wenn
er solche Abstinenz als »Phase des Widerstandes
gegen die Gegenübertragung« und Antithese
auf die unreflektierte Gluckenpose des Analytikers
einer ebensolchen Einseitigkeit zeiht: »Die übergroße Ängstlichkeit
des Arztes in dieser Hinsicht ist nicht die richtige
Einstellung des Arztes«.(34)
Die
Synthese wäre der Wächter im Analytiker,
der auf die Dosierung achtet, während der
Arzt »sich gehen läßt« im »Gewährenlassen
des eigenen Unbewußten«, welches »die
im manifesten Rede- und Gebärdenmaterial versteckten Äußerungen
des Unbewußten des Patienten intuitiv zu
erfassen« sucht.(35) Überschreitet die
Involvierung den Pegel ins Gönnerhafte oder
Feindselige, so ist höchste Zeit für
eine »psychoanalytische Aussprache«,
für Metakommunikation über die sich selbstständig
machenden Gefühle und deren Grund in der Prozeßdynamik.(36)
Dem Pingpong der Widerstandsarbeit als dem bewußten,
rationalen Teil des Versteckspiels der Analyse
gesellt sich das Pingpong der beiden Unbewußten
von Arzt und Patient hinzu im Modus der Intuition.
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